Börsenlexikon
Der Freiverkehr ist ein dezentraler Handelsplatz für Wertpapiere, auf dem Titel ohne die strengeren Zulassungsanforderungen der amtlichen Börse oder des Regulierten Marktes gehandelt werden.
Im Freiverkehr können Unternehmen und Emittenten ihre Wertpapiere notieren lassen, ohne die umfassenden Prospektanforderungen und Bilanzierungsvorgaben erfüllen zu müssen, die an geregelten Märkten gelten. Der Handel erfolgt direkt zwischen Käufer und Verkäufer über die Handelsplattformen der Börse, ohne dass ein zentrales Orderbuch wie bei börsennotierten Titeln existiert. Jeder Makler oder Market Maker kann Kurse stellen und damit Liquidität bereitstellen.
Für Privatanleger bietet der Freiverkehr Chancen und Risiken zugleich. Einerseits ermöglicht er Zugang zu kleineren Unternehmen, Startups oder spezialisierten Finanzprodukten, die eine Zulassung zum Regulierten Markt nicht anstreben oder nicht erreichen. Andererseits ist die Informationslage häufig weniger transparent: Die Emittenten unterliegen schwächeren Offenlegungspflichten, weshalb weniger verlässliche Daten über die Geschäftstätigkeit verfügbar sind. Hinzu kommt ein höheres Liquiditätsrisiko – bei manchen Titeln können Geld-Brief-Spannen (der Unterschied zwischen Ankaufs- und Verkaufskurs) erheblich sein, was zu Verlusten beim Ein- und Ausstieg führt.
Ein Beispiel: Ein Anleger möchte 1.000 Anteile eines im Freiverkehr gehandelten Unternehmens kaufen. Der Market Maker stellt einen Geldkurs (Ankauf) von 9,50 Euro und einen Briefkurs (Verkauf) von 10,50 Euro. Der Anleger zahlt für den Kauf 10.500 Euro. Wenn er die Anteile kurz darauf verkaufen möchte und der Kurs unverändert bleibt, erhält er nur 9.500 Euro – ein Verlust von 1.000 Euro, der allein durch die Spanne entstand.
Der Freiverkehr wird häufig als „Over-the-Counter-Markt" (OTC) bezeichnet, obwohl dieser Begriff im weiteren Sinne auch außerbörsliche Geschäfte umfasst. In Abgrenzung dazu steht der Regulierte Markt, wo strengere Zulassungs- und Publizitätspflichten gelten. Auch der Segment „Scale" an deutschen Börsen bietet eine Mittelposition mit reduzierten, aber immer noch erheblichen Anforderungen. Für Anfänger ist es wichtig zu verstehen, dass Freiverkehrsanteile prinzipiell illiquide sein können und dass die Recherche zu Unternehmen aufwendiger ausfällt.

